Mittwoch, 01.11.1989, G. Südharz
Drinnen klopfe ich drei Mal an die Tür zum Besprechungsraum, und es kommt mir vor, als würde ich mir dabei selbst zusehen.„Guten Abend“, sage ich laut, die Türklinke noch in der Hand. Meine Stimme ist ruhiger, als ich erwartet habe. Alle Stühle sind besetzt. Ich sehe Überraschung in Papas Augen und wie sich seine Lippen bewegen.
„Ja, bitte“, sagt der Bürgermeister.
„Wir möchten euch um ein Gespräch bitten“, beginnt Frau Lehne.
„So?“ Im Gesicht des Bürgermeisters regt sich nichts.
„Kommt ihr von dieser Dableiberdemo da draußen?“, fragt ein Mann, den ich nur vom Sehen kenne. Herr Lehne und Papa stecken die Köpfe zusammen. Ich sammele mich und gehe zum Fenster, die Rolle mit den Unterschriften noch in der Hand, ich öffne es und in dem Moment ruft eine Stimme: „Wir bleiben hier!“ Aus der Stimme wird ein Chor, kalte Luft weht in den Raum und Papas Stuhl knarrt, als er aufsteht. Er nimmt die Liste entgegen, entrollt sie und liest schweigend die Unterschriften.
„Wie viele seid ihr?“, fragt der Bürgermeister.
„Dreihundert haben unterschrieben“, sage ich.
„Sagen wir, halb zehn im Saal?“ Papas Blick ist unergründlich.
„Gut, ich werde es weitergeben.“
Wir sprechen miteinander wie Fremde.
„Enttäuscht uns nicht“, sagt Frau Lehne noch, bevor sie die Tür hinter uns schließt. „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass da drin nur Männer sitzen?“, fragt sie und legt ihren Arm um meine Schultern. Ich atme tief durch, sehe wieder Papas Blick vor mir und versuche zu lächeln.
