Montag, 02.10.1989, Leipzig
Die Türme der Thomaskirche zeichnen sich wie ein Scherenschnitt gegen den dunklen Himmel ab. Der Kirchhof ist voller Polizei-LKW´s. Hunde bellen. Menschen rennen Richtung Marktplatz. Eine blasse Frau wird von zwei Männern zu einem Krankenwagen geführt. Neben der geöffneten Tür steht ein Mann mit verbundenem Kopf.
„Maik!“, ruft Miriam. Sie weint wieder heftiger, fasst meine Hand und zieht mich weiter. Die Polizisten sind überall. In den Halterungen an ihren Gürteln stecken Gummiknüppel.
„Ich habe Angst vor Hunden“, flüstert Miriam.
„Die haben doch einen Maulkorb.“ Ich hoffe, dass meine Stimme nicht zittert.
Ich möchte nicht, dass sie merkt, wie groß auch meine Angst ist.
„Lassen Sie uns bitte durch“, sage ich zu dem Grünen, der uns den Weg
versperrt.
„Das hätten Sie sich früher überlegen sollen.“ Er starrt an mir vorbei.
„Bitte! Wir haben niemandem etwas getan!“, bringe ich heraus. Hinter uns wird
gedrängelt, ich muss Miriams Hand loslassen, vor mir sind immer mehr Grüne,
sie haben eine Kette gebildet, kein Durchkommen mehr. Miriam geht zu Boden,
ich will zu ihr, da trifft mich ein dumpfer Schlag am Oberarm, ich taumele,
vor Schmerz bleibt mir die Luft weg, dann höre ich mein eigenes Stöhnen. Ein
Mann hilft Miriam auf, sie ist blass und hält sich ihre Hand, fast bin ich
bei ihr, mein rechter Arm hängt herab, als würde er nicht zu mir gehören, und
in der Schulter pocht der Schmerz, da steht wieder ein Grüner vor mir. Ich
bin nur noch wütend, ich will ihn anschreien, ihm alles entgegen schreien,
aber ich kann nicht, keinen Ton kriege ich heraus. Ich bin fast blind vor
Tränen, und plötzlich ist Miriam neben mir.
„Soll ich euch zum Krankenwagen bringen?“ Die Stimme des Grünen ist hell,
fast piepsig. Ich schüttele heftig den Kopf und sehe erst jetzt seine weit
aufgerissenen Augen und den zitternden Mund.
„Ania, komm, es wird alles gut, komm.“
Als wir den Krankentransport erreicht haben, schaue ich mich um. Er ist nicht mehr da.
