Samstag, 21.10.1989, Leipzig

Ben schenkt uns Wein ein, er nimmt meine Hand und will mich auf seinen Schoß ziehen, doch ich löse mich von ihm und gehe zum Fenster. Der Hinterhof ist dunkel, im Nachbarhaus brennt kein Licht.
„Maik ordnet an, Maik organisiert, Maik hat seine Berufung gefunden.“
„Seid ihr überhaupt noch Freunde?“ Ich drehe mich zu ihm um.
„Darum geht es doch gar nicht.“ Er zündet sich eine Zigarette an, läuft auf und ab.
„Wir wissen, woher wir kommen, aber nicht, wohin wir gehen. Seit Jahren versuchen wir, in Verhältnissen zu überleben, die uns so gut wie keinen Raum lassen. Wir sind Profis im Tarnen und Täuschen, im Improvisieren und Flüchten. Jetzt, wo wir die Gelegenheit haben, etwas zu ändern, sind wir überfordert, denn wir haben nur gelernt, Strukturen zu nutzen, die es schon gibt. Aber anstatt sich das einzugestehen, innezuhalten und nachzudenken, verfällt Maik in Aktionismus. Nichts geht schnell genug, alles muss sofort sein, und alle müssen mitmachen, ob sie nun wollen oder nicht.“
Er ist wieder lauter geworden, lehnt am Kachelofen und drückt die Zigarette auf einer Untertasse aus.
„Aber irgendwo muss man doch anfangen.“
„Ja, stimmt. Aber ich bin kein Organisationstalent. Kein Rhetoriker. Mein Weg ist ein anderer. Und das sieht Maik nicht ein. Er wirft mir vor, zu viel Distanz aufzubauen, mich aus allem rauszuhalten. Ich habe den Aufruf unterschrieben, ich verfolge alles, was passiert, ich fotografiere. Und doch kommt er immer wieder, quatscht auf mich ein, drischt Phrasen und will mich für seine Zwecke einspannen. Dich hat er doch auch gleich angehauen.“
„Er ist nun mal ein anderer Typ und versucht, seine Visionen zu leben. Und die sind, soweit ich weiß, ähnlich wie deine.“
„Eine zivile Gesellschaft mit mündigen Bürgern? Keine hohlen Politiker mehr? Keine aufgeblasene Bürokratie? Aber dafür reicht es nicht, Havels ‚Versuch, in der Wahrheit zu leben’ zu lesen, sich die Köpfe heiß zu reden und doch nur aneinander vorbei zu quatschen. Sie wollen praktische Pläne machen und bleiben doch Theoretiker.“
„Es ist ein Anfang, Ben.“
Es ist das erste Mal, dass ich ihn so nenne, und die Falten verschwinden von seiner Stirn, die Augen werden wieder größer. Er kommt zu mir und legt seine Stirn gegen meine. „Für Mitte November planen sie eine Kundgebung in Leipzig. Legal. Angemeldet. Sie träumen von tausenden Teilnehmern. Glaubst du daran?“
„Warum nicht?“
Er schüttelt den Kopf und legt die Arme um mich. „Miriam redet auch auf mich ein. Sie brauchen Köpfe wie dich, sagt sie.“
„Sie hat Recht. Auch das, was Rosi eben gesagt hat, stimmt. Und du hast doch nichts zu verlieren.“
Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter.
„Sollen wir schlafen gehen?“ fragt er und pustet mir das Haar aus der Stirn.