Sonntag, 08.10.1989, Leipzig
Im Treppenhaus ist es schon dämmerig. Ich habe das Buch fast ausgelesen, steige langsam die Stufen hinauf und krame in Gedanken versunken nach dem Wohnungsschlüssel, bis mir auffällt, dass die Tür offen ist. Als ich hinein gehe, schallt mir „Bohemian Rhapsody“ in voller Lautstärke entgegen. Ich lasse den Rucksack fallen und bemerke Bernd erst, als ich meine Jacke ausgezogen habe. Er lehnt in der Küchentür, und als ich bei ihm bin, als ich ihm um den Hals falle, als er mich an sich drückt, kleben seine feuchten Haare an meiner Wange. Er riecht frisch geduscht, und ich habe Angst, dass er mein Herz hört. Es dauert lange, bis wir uns loslassen.„Du bist wieder da“, sage ich.
„Ja.“ Seine Augen sind dunkel. Er trägt keine Brille. Um die verkrustete Wunde an seiner rechten Schläfe hat sich ein roter Rand gebildet. Ich krame im Küchenschrank nach Verbandszeug, mein Gesicht glüht, ich finde eine Flasche mit Jodtinktur und eine Packung mit Mullkompressen, und als ich mich wieder zu ihm umdrehe, klopft es an die Tür. Er geht hinaus und öffnet, und ich höre lange nichts mehr.
Miriams Augen strahlen, als sie zusammen in die Küche kommen, sie drückt ihn auf einen Stuhl und nimmt mir die Jodflasche aus der Hand. Als sie mit einem Tupfer vorsichtig die Wunde berührt, schließt er die Augen.
„Sie haben euch tatsächlich nach Markkleeberg gebracht?“, fragt sie.
„Ein echtes Abenteuer“, sagt er wie zu sich selbst.
„Übernachten im Pferdestall. Auf Steinboden. Das Stroh nahmen sie für ihre Hunde.“
Miriam setzt sich auf seinen Schoß. Als sie den Tupfer wieder auf die Wunde legt, verzieht er das Gesicht.
„Wie das liebe Vieh“, sagt er und lacht lautlos und so heftig, dass seine Schultern zucken.
„Du darfst dich nicht bewegen“, sagt Miriam so leise, dass ich es kaum hören kann. Er schließt wieder die Augen und lehnt seine Stirn an ihre Schulter.
Ich nehme die Jodflasche vom Tisch, schraube den Verschluss zu, stelle sie in den Schrank zurück. Mir ist so schwer. Ich möchte mehr für ihn tun können, für ihn da sein, ich möchte nicht sehen, wie sie ihn in den Arm nimmt, und ich lehne mich an die Spüle, mit dem Rücken zu ihnen, und denke an den Moment, der nur uns gehörte, versuche, ihn festzuhalten und empfinde ihn doch schon wie einen Traum.
